„Unzensiert“, oder warum Julius Rodenberg in Vergessenheit geriet.

Fotokameras klicken, Handys werden hochgehalten, Filmkameras filmen mit viel Licht um die Wette und wenn man sich nicht schnell genug verdrückt wird einem ein Mikrofon vor den Mund gehalten – oft in Verbindung mit einer dieser Kameras.

Es ist der 20.02.2020. Schon das Datum ist magisch. Wo sind wir? Im Pressehaus der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, welches als DIE Drehscheibe des Madsack-Konzerns gilt. Im Madsack-Konzern werden mehrere Zeitungen, u.a. auch die hiesigen Schaumburger Nachrichten, verlegt. Anlass ist die Verleihung des diesjährigen Schülerzeitungspreises „unzensiert“ unter der Schirmherrschaft des anwesenden nieders.

Unzensiert Preisverleihung der Jungen Presse Niedersachsen in der Ellipse des Madsack-Verlagshauses am 20. Februar 2020.

Ministerpräsidenten Stefan Weil. Die Julius-Rodenberg-Stiftung des Rodenbergers Norbert Jahn ist seit vier Jahren Stifter der Geldpreise für den Wettbewerb und dessen Vorläufer. Auch in diesem Jahr sind wieder insgesamt 3.500€ ausgelobt. Über die Verteilung entscheidet eine hochkarätig besetzte 10-köpfige Jury.

Nach vielen Jahren des Sponsorings der JR-Stiftung kam in diesem Jahr seitens der Veranstaltern der Wunsch auf, etwas über den Namensgeber der Stiftung, Julius Rodenberg, zu erfahren. Diese Aufgabe übernahm ich gerne. Die Vorstellung erfolgte in Form eines kleinen Interviews. Meine Antwort, nämlich die auf die Frage „warum ist Julius Rodenberg in Vergessenheit geraten“ gebe ich hier stellvertretend für die anderen Antworten und aus dem Gedächtnis wieder:


(…) „Erwähnenswert ist auch das Wirken Julius Rodenbergs als Liedtexter: Die „Albrecht Familie“, eine frühe Form der „Kelly Family“, hat 1978 das von Julius Rodenberg getextete Lied „Wohlauf in Gottes Welt“ interpretiert. Die dazu erschienene LP hat ebenso diesen Titel.
Der Chef der Band war ein Ernst Albrecht – nebenbei Ministerpräsidenten von Niedersachsen. Ein weiteres Mitglied der Band ist übrigens die heutige EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Sucht mal bei Youtube nach den entsprechenden Stichworten…“

(Der Moderator wollte anschließend Herrn Weil fragen, ob er denn auch singen kann. Er hat es dann aber wohl vergessen …)

„Das war der lustige Teil der Geschichte und nun folgt der nicht so lustige zweite Teil …

Unzeitgemäße Lieder.
In der Zeitschrift des Nationalsozialistischen Lehrerbundes „Nationalsozialistisches Bildungswesen“ wird in einem Beitrag von 31. Jan. 1931 eine Reihe von Liedern genannt, „die zwar noch heute in den Liederbüchern der Schulen und Gesangvereine enthalten
sind, die aber, da sie von Juden gedichtet und vertont wurden, nicht mehr gesungen werden sollten.“ Darunter werden folgende Lieder genannt: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“ (von Heinrich Heine(!)), „Dem Vaterland, das ist ein hohes helles Wort“, „Zu Straßburg auf der Brück“, „Nun zu guter Letzt“, „Wohlauf in Gottes schöner Welt“, „Nun bricht aus allen Zweigen“ (beide J. Rodenberg).

So einfach konnte man aber die Sing-Gewohnheiten der Deutschen nicht ändern. Als Lösung des Problems wurde in den Liederbüchern der Hitlerjugend, des „Bund deutscher Mädchen“ u.a. die tatsächlich jüdischen Urheber mit „Text: mündlich überliefert“ oder „Volksweise“ ersetzt.
Neben dem Holocaust an den damals lebenden Juden gab es auch ein weiteres, bis heute unbeachtetes Kapitel: Die Verdienste der längst verstorbenen Juden, welche über Jahrhunderte die deutsche Kultur geprägt haben, wurden nachträglich vernichtet.

Ok, das war weitgehend bekannt. Um so erstaunlicher ist es, dass noch heute solche unkorrigierten Text- und Notenblätter angebotenen werden, in denen der tatsächliche jüdische Urheber nicht genannt wird. Und das sind nicht wenige….“


Rodenberg, die Stadt genauso wie Julius war jedenfalls in aller Munde. Unter der Anwesenheit von den Bürgermeistern Ralf Sassmann (Rodenberg), Marlies Matthias (Bad Nenndorf) und weiteren Amtsträgern wurden die Preisträger, u.a. die Nienstädter Grundschule aus Schaumburg ausgezeichnet. Ministerpräsident Stephan Weil berichtete bei der Preisverleihung, dass er früher selbst in einer Schülerredaktion mitgearbeitet hat. „Da hat es durchaus gelegentlich Ärger gegeben, wenn wir kritische Artikel über die eigene Schule hatten“, sagte Weil. Ihm selbst habe die Teamarbeit in der Redaktion aber „sehr geholfen bei meinen weiteren Stationen“.

Das Medienecho war enorm. Neben der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung berichtete u.a. der NDR unter Niedersachsen 18.00 Uhr und hier, sowie das Schaumburger Wochenblatt über die Veranstaltung. Ein Beispiel dafür, wie man mit relativ wenig Aufwand Werbung für Julius R. und die Stadt Rodenberg machen kann. Bleibt zu wünschen, das sich beim nächsten Wettbewerb noch mehr Schaumburger Schulen bewerben. Vielleicht auch aus Rodenberg?

Übrigens: Zu meiner Zeit hieß die Rodenberger Schülerzeitung „Mosaik“   ;o)
Ihr Rudolf Zerries

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